Öffentliche Plätze im ländlichen Raum

von Gerda Schnetzer-Sutterlüty

Der überlegenswerte Dorfplatz

von Gerda Schnetzer-Sutterlüty 


Oftmals als Restfläche des öffentlichen Raums oder als Parkplatz verstellt fristen manche Dorfplätze in Österreich ihr Dasein. Kaum beachtet oder „auf den großen Wurf wartend“ wird seine mögliche Ausstrahlungskraft meist unterschätzt und seine Bedeutung um Präsentation und Atmosphäre verkannt.

Dieses Schattendasein kann jedoch diffuse und reelle Auswirkungen auf die Kommune und ihr Image haben. Wie beim Gegenüber sein Händedruck Schlüsse auf seine Persönlichkeit zulässt, kann der Dorfplatz  einer Gemeinde die örtlichen Traditionen, die Einstellung der gewählten Vertreter zu seinen Bürgern und vieles andere intuitiv vermitteln.

 

Die Vorstellung, was einen Dorfplatz ausmacht und was ihn definiert, variiert jeweils im Auge des Betrachters über das ganze Spektrum der Möglichkeiten, die eine solche „Leerstelle“ im Zentrum bietet. Manche Dorfplätze sollen an  heldenhafte Mitbürger erinnern oder erfüllen eine rein praktische Funktion als Pausenraum, Parkplatz oder Verkehrsknotenpunkt.

Entsprechend der individuellen Einstellung der Handelnden und der topographischen Voraussetzungen werden diese Plätze der Öffentlichkeit dann – im seltensten Fall mittels eines partizipativen Prozesses – aus dem Dornröschenschlaft geholt und mitunter einer kreativen Gestaltung unterzogen, designt und vermarktet oder weiterhin dem ruhenden und fließenden Verkehr zur Verfügung gestellt. Doch welche Instrumente stehen den Handelnden dabei zur Verfügung? Die Recherchen zu dieser Frage führte schlussendlich zur Untersuchung und dem Vergleich von historischen Dorfplätzen, welche Jahrhunderte überlebten und den modern designten der letzten Jahre. Dabei stellte sich die Frage, wie sich denn die Eigenschaften von Dorfplätzen im Laufe der Geschichte änderten und was der Unterschied in Ausgestaltung und Nutzung derselben ist.

 

Auf die folgenden Beobachtungen wird in diesem Zusammenhang näher eingegangen:

 

  • Dorfplätze in der Vergangenheit waren mehrheitlich von privat bewohnten Häusern umgeben. Gebäude – außer Kirche und Schule – die nur diesem einen Zweck dienten, gab es aber nur vereinzelt. Unternehmensstätte und Privathaushalt waren meistens im Gebäude vereint. Sogar der Bürgermeister oder Landammann tätigte seine Geschäfte von zu Hause aus.
  • Die Anwohner des Dorfzentrums hatten die Möglichkeit, sich zu präsentieren und nutzten diese Möglichkeit auch. Die Häuser waren individuell und meist aufwändig gestaltet und sollten auf die Leistungen und Tradition der Besitzerfamilie hinweisen.
  • Es scheint bei den untersuchten Objekten jeweils eine Gesamtplanung existiert zu haben. Die Erschaffer der historischen Plätze zeigten sich solidarisch innerhalb der Gemeinschaft und gegenüber Außenstehenden.

 

Dieser Auszug aus den Ergebnissen und weitere vertiefende Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass die Dorfplätze seit jeher bedeutende praktische und bürgerrechtlich relevante Funktionen erfüllten, die sich im Laufe der Geschichte wohl veränderten und sich dem Fortschritt der Technik und der Menschen anpassten, jedoch eine prägnante Konstante aufweisen:  

Dorfplätze sind die Visitenkarte einer Gemeinde. Sie können Indikator für gelebte Nachbarschaft, Wirtschaftspotenz und sozialen Zusammenhalt sein.

 

 

Feiertag auf dem Dorfplatz in Alberschwende/Bregenzerwald. (Foto: A. Jäger)

 

Die Sirene am Samstag um zwölf, die Stundenschläge der Kirchturmuhr, das Angelus-Läuten und ähnliche Traditionen gaben in früheren Zeiten den Rhythmus des bürgerlichen und bäuerlichen Jahres vor.  Diese ritualisierten Orte und Rhythmen wecken in den meisten von uns Erinnerungen an die Kindheit - geben (...) einem Raum Identität und Geschichte (Marc Augé 2012).

 

 

Gemeinden im ländlichen Raum stehen zunehmend unter Druck: Die demografischen Prognosen sind gebietsweise bedrohend und der zunehmende Wettbewerb um Einwohner und Unternehmen mündet in eine Rivalität unter Gemeinden, deren Angebote sich oft stark ähneln. Wenn diesem Trend seitens der Kommune mit Taten entgegengewirkt werden soll, ist ein attraktives Erscheinungsbild der öffentlichen Räume eine der wenigen Komponenten, auf die auch tatsächlich Einfluss genommen werden kann, um den möglicherweise ansiedlungswilligen Bürger oder Firmeninhaber zu beeindrucken.

 

Handlungsfelder der Dorfplatzentwicklung 

 

Wenn die Vertreter einer Kommune sich entschließen einen Dorfplatz neu zu gestalten, agieren sie als Handelnde und Betroffene gleichermaßen - Errichter sowie Betreiber und gleichzeitig Benutzer. Dorfplatzgestaltung ist ein auf die alltägliche Lebenswelt direkt bezogenes Thema und erfordert deswegen, dass die Bürger und die verschiedenen Nutzergruppen miteinbezogen werden sollen. Planung, Umsetzung und Bespielung und viele weitere offene Fragen sind zu klären, was eine enorme Herausforderung für die Dorfplatzentwickler bedeutet und manche Gefahren birgt: Oftmals entsteht die Situation, dass auf den „kleinsten Nenner“ gesetzt werden muss oder es werden hauptsächlich Argumente praktischer Natur (Pflege, Stabilität der Einrichtung und das Investitionsvolumen) in den Vordergrund gestellt.

 

Dabei stehen die Kommunen in der Frage der Dorfplatzgestaltung oftmals weiteren großen Herausforderungen gegenüber:

 

  • Eingeschränkter Aktionsradius: Die Flächen und Objekte in den Zentren sind meist knapp und stehen oft nicht zur Bewirtschaftung zur Verfügung. Sie sind unter Denkmalschutz, beinhalten Zweitwohnsitze, sindvin  Privat- und Investorenhand oder als Reserve dauerhaft ungenutzt.
  • Finanzielle Überlegungen: Die Errichtung und Bewirtschaftung öffentlichen Raums scheint kostenintensiv und ist oft verbunden mit dem Vorurteil, dass die Investitionen ohnehin Vandalen zum Opfer fallen.
  • Druck auf Bauland: Die überörtlichen Raumplanungsstrategen erwarten von den Gemeinden, dass sie die Ortskerne verdichten, um Platz an der Peripherie zu sparen, um so die Siedlungsgrenzen einzudämmen. Gleichzeitig sollen sie einen qualitativen Freiraum zur Begegnung der Menschen anbieten.

 

„Flächen sparen, Ortskerne verdichten und gleichzeitig das endogene Potential stärken durch Entwicklung und Sicherung eines qualitätsvollen, öffentlichen Frei- und Erholungsraums zur Begegnung der Menschen.“ (Österreichisches Raumentwicklungskonzept 2012) 

 

  • Funktionale Trennung der Wirkungsbereiche: Wohnen am Waldrand, Arbeiten im Zentrum: Dieser Trend ist längst nicht nur in den Agglomerationen feststellbar und macht den Dorfplatz außerhalb der Bürozeiten oftmals zur „freien“ Zone, zum unbeaufsichtigten Ort verschiedenster Interaktionen und hemmt somit zusätzlich die natürliche Belebung der Dorfmitte.  
  • Veränderte Rahmenbedingungen: Demografischer Wandel (mit der gebietsweise düsteren Prognose für die ländlichen Gemeinden) und das Öffentlichkeitsbedürfnis der Menschen stellen die Entscheidungsträger vor die scheinbar unmögliche Herausforderung, einen attraktiven öffentlichen Raum anzubieten, der den Generationen und den Interessensgruppen gerecht wird und die Menschen an ihren Heimatort bindet.
  • Hohe Erwartung und Bedürfnisse: Der Funktions-Spagat zwischen Lebensqualität für die Anwohner und Attraktion für die Benutzergruppen auf dem Dorfplatz. Im Idealfall fördert ein gut durchdachter, genutzter Platz das soziale Leben und holt die gemeinschaftlichen Interaktionen - welche oft in den Vereinssaal verbannt wurden - wieder in die Öffentlichkeit.
  • Wirtschaftlicher Druck: Heute werden zunehmend - auch im ländlichen Raum - offene öffentliche Räume (Einkaufsstraßen, Dorfplätze) abgelöst von geschlossenen öffentlichen Räumen (Schanigarten, Einkaufszentren, Flanierzonen). Der als öffentlich wahrgenommene Raum ist in Wirklichkeit ein privater Raum, als öffentlicher Raum simuliert.  Damit ist er das abfallende Produkt dessen wird, was privatwirtschaftlich nicht verwertbar ist. (Definition nach Brendgens 2005)

 

 

 

Auf einem öffentlichen Platz sind es die Menschen, welche dem Raum erst seine angedachte Funktion zukommen lassen. Sie erst machen aus einer Fläche einen Platz.

Dorfplatz in der Schweiz, Domat/Ems. (Foto: Baukultur.gr.ch)  

 

 

 

 

Konzeption und Strategie

 

Ist es nun bei der Konzeption eines Dorfplatzes notwendig, eine Kernzielgruppe heraus zu kristallisieren um dann deren Geschmack und die  Bedürfnisse hinsichtlich eines Dorfplatzes zu bevorzugen? Oder soll eine Architektengruppe den gordischen Knoten von Design, Funktionalität und Komfort lösen?

 

Manche Ansätze und Ideen als Vorlage für die Dorfplatzgestaltung sind im „scheinöffentlichen Raum“ der Shopping- und Outletcenter zu finden. In diesem „Feindbild“ der Dorfzentren kann - zumindest in der Orientierungsphase – manches „Feature“ als Vorbild herhalten:

 

Hier werden dörfliche Elemente gezielt eingesetzt und sind das Resultat aus dem Leitbild oder Strategiekonzept der Betreiber. Dem Konsument vermittelt dies Geborgenheit und Komfort, der in Dorfzentren oft nicht geboten wird. Gepflegt und dekoriert präsentiert sich das Shoppingcenter, da bei der Anfahrt schon positive Impulse gesetzt werden durch gute Busverbindungen, ausreichend gratis Parkplätze, einem ansprechenden Beschriftungskonzept und schließlich vor Ort dann Komfortelemente wie WCs,  ein gut gemixtes Sortiment und darüber hinaus Inszenierungen, Aktionen und Produktpräsentationen, abgestimmt auf die Bedürfnisse des Konsumenten

 

 (Outletcenter Foto: McArthur Glen) Die Einkaufszentren und Outletcenter setzen zur Kundenbindung gezielt dörfliche Elemente in der Architektur ein und spielen mit der Sehnsucht ihrer Kunden nach Unterhaltung und dörflicher Idylle. Sie „imitieren damit öffentlichen Raum“ (Guido Brendgens 2005). 

 

 

Bei der Betrachtung dieser Geschäftsmodelle können auch die Grundprinzipien historischer Dorfplätze entdeckt werden:

 

  • Die Gebäude bilden eine Art Dorfplatz, er ist verkehrsberuhigt.
  • Das kleinteilige Arrangement der Gebäude soll den Eindruck erwecken, die Gebäude wären individuell entstanden, sie sollen private Atmosphäre ausstrahlen.
  • Die Wege sind menschengemäss dimensioniert.

 

 

Sogar beim Grundriss der Outletcenter zeigen sich Parallelen mit den untersuchten historischen Dorfplätzen: Das historische Dorfensemble Holašovice in Tschechien und das Outletcenter Parndorf in Österreich.  (Fotos: Czech Tourism, McArthur Glen)

 

Die in den Beispielen angewandten Instrumente können durchaus in Teilbereichen auf Kommunen und die Dorfplatzentwicklung übertragen werden. Hierzu könnte zusätzlich ein klassischer strategischer Managementprozess dienlich sein, um vor Ort in der Kommune das Themenfeld Dorfplatzentwicklung im Sinne der Nutzerinnen und Nutzer umfassend und zielgerichtet umzusetzen.

Implementierungsvorschläge und in Folge die Kontrolle der durchgeführten und der anstehenden Maßnahmen auf Konformität würden die Ziele erreichen helfen und sie anhand von Bewertungssystemen zu messen oder zumindest einzuschätzen.

 

Weiterführende Diskussionsunterlagen, Kriterienkataloge zur Dorfplatzgestaltung und Untersuchungsergebnisse stehen zur Verfügung.

 

Gerda Schnetzer-Sutterlüty

01.04.2014

 

 

Literatur:

  • Augé, Mark (2012): Nicht-Orte. 3. Aufl. München: C.H. Beck.
  • Brendgens, Guido (2005): Vom Verlust des öffentlichen Raums. Online im Internet unter http://www.permanentbreakfast.org/?p=1664&lang=de (Zugriff am: 01.06.2013).
    • ÖREK – Österreichisches Raumentwicklungskonzept (2012): Österreichisches Raumentwicklungskonzept 2011. Beschluss der politischen Konferenz vom 2. April. ÖROK (= Geschäftsstelle der Österreichischen Raumordnungskonferenz). Wien. Online im Internet: http://www.oerok.gv.at/Raum_Region/cd/oerek_langfassung.pdf (Zugriff am: 08.03.2013)

 

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