Plädoyer für eine Brache

von Carina Jielg,
erstmals veröffentlicht im blume-filmfestival-magazin 2009
 
Unmittelbar angrenzend an das Mietshaus in Berlin, in dem Freunde einige Zeit gewohnt hatten, befand sich eine Brache. Ein Fleckchen Erde, auf dem das Gras hochgewachsen war. Eine namenlose Bodenfläche mit wildem Strauch- und unkontrolliertem Unkrautbewuchs und einer Ausstrahlung von ungehobelter Selbstverständlichkeit. Eine dicht bewachsene Ehemaligkeit, die die umstehenden Mietshäuser mit ihren riesigen Mauerwänden wie abgeschnittene Brotwecken aussehen ließ. Für die einen eine praktische Müllkippe, für die anderen das günstig gelegene Hundeklo, für wieder andere schlicht inexistent, weil außerhalb des Wahrgenommenen. Es war nicht die einzige Brache in dieser Stadt – derer gab es viele dort. Sie funktionieren wie Bindestriche, sind wie die Pause in einem guten Text. Eine Parklücke. Eine leere Vitrine im ägyptischen Museum in Kairo. Die Leinwand im Kino kurz bevor der Film anfängt. 
Eine öffentliche Leerstelle, eine Frei- und Projektionsfläche, wohltuendes Niemandsland, ein Platzhalter für allerhand und nichts.
 
In Vorarlberg gibt es diese Brachen nicht. Nicht mehr. Nicht im Stadtraum. Öffentlich herrenlos und unbestellt ist hier gar nichts. Alles gehört geregelt. Alles gehört jemandem. Alles ist bestellt. Die – noch vor nicht allzu langer Zeit - brachliegenden Fabriken und leerstehenden Brauerei Areale, alte, verlassene Gasthäuser, Garagenvorplätze in den Siedlungen, Auffahrten und Einfahrten, Höfe, Hofgärten, Wiesenteile machten Häusern, Wohnanlagen, Straßen oder neu gestalteten Plätzen Platz. Auch die Innenhöfe und Hinterhöfe, die baufälligen Werkstätten, die Straßen, in denen niemals ein Auto kam - die sind nicht mehr.
 
Heute gibt es stattdessen viel gute Architektur, viele, gute Veranstaltungen, viel, gute Musik, viel, gute Kunst, kurz unglaublich viel kreatives Potential. Und das wird auch genutzt. Steht außer Zweifel. Dafür, dass das Land Siedlungen lediglich kleinstädtischen Formats aufweisen kann, nehmen sich die Bewohner und das, was sie darin passieren lassen geradezu urban aus.
Einer, der von auswärts kam und sich hier vor die Landschaft stellte, hat gesagt, wir seien ein Volk der Macher. Gut so. Ein ganzes Land hat sich gemacht. Dann fehlt nur noch die eine oder andere ungemachte Brache.

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