Rot und Blau

von Arno Geiger

Erstmals erschienen in:
Droste, Wilhelm; Hager, Martin (Hg-) : Revisiting Memory, Gedächtnisspuren. Matthes & Seitz, Berlin 2007

 
Ich besuche meinen Heimatort von Berufs wegen. Ich gehe auf ein Ringerturnier mit dem Vorsatz, mich meiner als sehr körperlich empfundenen Herkunft zu vergewissern. Von Berufs wegen vorsichtig gehe ich an die Sache heran: Ich bin, wie man so sagt, erwachsen genug, um zu wissen, dass man das Vergangene und die eigene Kindheit betrachten soll, wie die Chinesen etwas betrachten: durch schmale Augen.
Ein Schreibmaschinenbesitzer, einer der nicht auf Masse, sondern auf Substanz gewogen wird: Milchgesichtig – mit schmalen Augen – sitze ich in der Hofsteigsporthalle, das Futter der Erinnerung wiederkäuend, in dieser noch unlängst von Wiederkäuern geprägten Landschaft. Ich betrachte Buben und Mädchen bei einem körperlichen Zweikampf – und betrachte gleichzeitig mich selbst, in diesem seltsamen Geisteszustand, in dem sich gegenwärtige Eindrucke mit alten Bildern und Reflexionen vermischen.
 
Dörfer haben ihren eigenen Charakter. In Ungarn steigt man aus dem Bus, es riecht nach Schweinen. Früher roch es in Wolfurt nach Kühen. Tempi passati. Wenn ich das Wort Widmung höre, denke ich üblicherweise an Bücher. In Wolfurt hingegen denke ich an Grundstücke. Umwidmung ist das, was den Charakter des Dorfes verändert hat. Von landwirtschaftlich genutzter Fläche zu Baugrund.
In den hoch gelegenen Fenstern der Sporthalle sieht man Ausschnitte der mir von Kind auf vertrauten Landschaft, wo der Bodensee und die Alpen hinwegtrösten sollen über die Sünden der Raumplanung. Dort draußen gibt es einige Flüsse, viele Straßen, eine Autobahn. Schief stehende Obstbäume, an deren bemooster Seite man sehen kann, wo Westen ist, woher das Wetter kommt. Den Gesamteindruck dominieren die unzähligen und immer zahlreicher werdenden Häuser, auf Sicherheitsabstand zueinander wie die Nester einer Kormorankolonie. Die Nester einer Kormorankolonie wirken, als wären sie symmetrisch angeordnet, weil die Entfernung eines Nestes zum anderen sich aus der Reichweite eines Schnabels ergibt. Der Abstand der Nester ist so, dass ein brütender Kormoran den anderen nicht hacken kann. Man hackt sich trotzdem. Ein Kind läuft mit seinem Schulranzen die Oberfeldgasse entlang, ein schwarzer Hund trottet hinterher. Im Garten niest zaghaft ein alter Mann, das ist mein Vater.
Mit Ende dreißig hat man noch eine gewisse Erwartung in die eigene körperliche Attraktivität und Leistungsfähigkeit. Doch irgendwann tritt an deren Stelle das simple Interesse an physischer Gesundheit angesichts des drohenden Verfalls. Die kindliche Beschäftigung mit dem Zugewinn an Kraft geht über in den Stolz, kräftig zu sein, und mündet in die Betrachtung des unaufhaltsamen Verfalls. Vielleicht ist es ein bloßes Verwechseln des Dorfes mit mir selbst, wenn ich sage, dass auch das Dorf diesen Weg beschreitet. Ein meist willkürlich anmutendes Konglomerat aus Straßen, neuen und alten Gebäuden, Industrieanlagen, Parkplätzen und Gartenzäunen. Nicht sehr ansehnlich das Ganze. – – Die meisten Städte werden schöner mit den Jahrhunderten, man kann ihnen zum tausendsten Geburtstag von Herzen gratulieren. Die meisten Dörfer werden hässlich.
„Aber das ist doch überhaupt kein Dorf!”, sagt die mich begleitende ungarische Fotografin. Anfangs widerwillig, aber letztlich doch, stimme ich ihr zu. Objektiv betrachtet schaut es aus wie eine Vorstadt, das ganze Rheintal eine Vorstadt, nur dass das Zentrum nie kommen wird. Somit muss es mich auch nicht wundern, dass mein Vater den Ort, an dem er seit mehr als achtzig Jahren lebt, nicht mehr erkennt. – – Manchmal, wenn wir mit dem Auto durch den Ort fahren, fragt er mich: „Wo sind wir?” „In Wolfurt.” „Wolfurt? Das kann ich mir schwer vorstellen.”
Selbst hier vereinigen sich die Erinnerungslücken meines Vaters zum Erinnerungsverlust. Das Dorf erweist sich als nichts zwingend Unverwechselbares und stattdessen als etwas Äußerliches und Austauschbares. Unlängst antwortete mir mein Vater auf die Frage, ob die Möbel im Wohnzimmer nicht aussehen wie seine eigenen Möbel: „Doch, aber andere Leute können auch solche Möbel besitzen.” Und jetzt füge ich für mich hinzu: „Auch andere Leute haben solche Dörfer.”
 
(...)
 
An das Interesse, das ich an meinen physischen Fähigkeiten hatte, erinnere ich mich sehr gut. Ich weiß, dass ich mich in meinem Laufstall (sagte man wirklich so?) aufrichtete und von Stange zu Stange hantelte, mit großer Anstrengung und großer Freude. Und ich erinnere mich, dass ich einige Jahre später einen Schuh in den Schraubstock meines Vaters spannte und das Schuhebinden übte. Ich wollte im Kindergarten nicht zu den Kindern gehören, die erst dann nach Hause gehen konnten, nachdem die Tante (ja, man sagte so) einem beim Ankleiden behilflich gewesen war.
In den eigenhändig zugebundenen Schuhen rannte ich über die heute verbauten Felder nach Hause. 
 
(...)
 
Auszüge hier verwendet mit Genehmigung des Autors

Zurück